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Bibliothèque (1990-2016)

La mystique de l’art

Deutsche Recenzion

Auteur : Jérôme COTTIN

Moderne Kunst und Christentum

Johannes Stückelberger

Die Emanzipation der Kunst von den Kirchen in der Moderne ist ein Fakt. Doch heisst das nicht, dass moderne Künstler sich nicht weiterhin für religiöse Fragestellungen, in einem engeren Sinn auch für das Christentum interessieren. Nur findet ihre Auseinandersetzung damit nicht mehr im Schosse der Kirchen statt, die Künstler sind in der Moderne in die Freiheit entlassen, die religiösen und christlichen Traditionen in eigener Verantwortung neu zu deuten. Das ist schon vielfach untersucht und thematisiert worden, jedenfalls in deutschen und amerikanischen Publikationen, weniger in französischen. Diese Lücke schliesst Jérôme Cottin, wobei sich sein Buch von anderen, etwa dem jüngst erschienenen Ausstellungskatalog „Traces du Sacré“, dadurch unterscheidet, dass es nicht allgemein nach dem Verhältnis von Kunst und Religion in der Moderne fragt, sondern präziser Spuren des Christlichen in der Kunst des 20. Jahrhunderts aufdeckt. Jedoch diskutiert das Buch nicht christliche Kunst oder Kunst, die für Kirchen geschaffen wurde, den Autor interessiert vielmehr, inwieweit sich die autonom entstandenen Werke moderner Künstler mit christlichen Themen und Fragestellungen in Verbindung bringen lassen.

Wer eine historische oder eine systematische Abhandlung erwartet, wird von der Arbeit enttäuscht sein. Das Buch folgt weder einer chronologischen noch einer systematischen Ordnung, vielmehr vereinigt es zehn Einzelstudien, die zum Teil auf frühere Arbeiten des Autors zurückgehen, zehn Einzelstudien, die jedoch ein breites und interessantes Spektrum von Fragestellungen abdecken. Die zehn Studien sind den folgenden Themen gewidmet : 1. Der Wandel des Christusbildes in der Kunst des 20. Jahrhunderts, 2. Moderne Kunst im Zeichen des Bilderverbotes, 3. Paul Tillich und der deutsche Expressionismus, 4. Kunst als prophetischer Akt, 5. Kunst und Christentum im öffentlichen Raum, 6. Zur Rezeption von Leonardos Abendmahl in der zeitgenössischen Werbung, 7. Wie sind die Anlehnungen an christliche Traditionen in der zeitgenössischen Kunst zu deuten ? Nostalgie oder Suche nach Sinn ? 8. Die Übermalungen Arnulf Rainers, 9. Die Auseinandersetzung mit dem Christentum in der zeitgenössischen Kunst Südkoreas, 10. Der Missa-Zyklus von Johannes Reuter.

Cottin beschränkt sich nicht darauf, Spuren des Christlichen in der Kunst zu entdecken, vielmehr versucht er, diese Spuren auch theologisch zu deuten. Der Autor ist protestantischer Theologe, seit Herbst 2009 Professor für praktische Theologie mit Schwerpunkt Theologie und Kultur an der protestantisch theologischen Fakultät der Universität Strassburg. Seine Beschäftigung mit moderner und zeitgenössischer Kunst ist klar theologisch motiviert. Von der modernen Kunst erhofft er sich Antworten auf die Frage nach einem zeitgenössischen Christentum. Wie Kunst Vergangenes mit Zukünftigem zusammenbringt, darin erkennt der Autor deren prophetische Qualitäten. Die zeitgenössischen Künstler möchte er in der Tradition der biblischen Autoren sehen, deren Texte auch nichts anderes als Interpretationen sind : Interpretationen, Aneignungen, Aktualisierungen älterer Quellen. Cottin denkt die Kunst theologisch und die Theologie ästhetisch. Methodisch beschreitet er dabei zwei unterschiedliche Wege : In einigen der Kapitel geht er von konkreten Kunstwerken aus, die er theologisch interpretiert. In den anderen steht am Beginn eine theologische Fragestellung (zum Beispiel das Bilderverbot), deren Relevanz für die moderne Kunst er anschliessend untersucht. Unverkennbar ist sein protestantischer Hintergrund, in seinen Ausführungen etwa über Calvin, in dem prominenten Platz, den er Paul Tillich zuweist, in seiner Vorliebe für die Kunst des deutschen Expressionismus, im Fehlen französischer Beispiele aus dem Umfeld der katholischen Zeitschrift „Art sacré“ oder in seinen Ausführungen über Kunst im Zeichen des Bilderverbotes. Symptomatisch für das theologische Interesse des Autors an der Kunst sind die Register. Neben einem Register der zitierten Künstler gibt es ein ausführliches Register aller Bibelstellen, auf die im Buch verwiesen wird. Eine Fundgrube ist nicht zuletzt die umfangreiche Bibliographie von nicht weniger als vierzig Seiten, die nach Rubriken geordnet ist wie : Theologie und Kunst, Christliche Bilder, Zeitgenössische Kunst und Christentum etc.

Die Direktheit, mit der Cottin moderne Kunstwerke theologisch interpretiert, indem er sie mit der Tradition biblischer Überlieferung in Verbindung bringt, mag aus einer historisch-kritischen Perspektive kritisierbar sein. Gleichzeitig haben die Untersuchungen etwas Erfrischendes : als Zeugnisse eines lebendigen Dialogs zwischen Kunst und Theologie – eines Dialogs zwischen zwei gleichwertigen Partnern. Nicht nur die Kunst hat der modernen Theologie etwas zu bieten, sondern umgekehrt auch die Theologie der Kunst.

Johannes STÜCKELBERGER, Univ. de Bâle.