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Bibliothèque (1990-2016)

Points de vue sur Jésus au 20e s.

Deutsche Recenzion

Auteurs : Jean Kaempfer, Philippe Kaenel, Alain Boillat, Pierre Gisel (éds.)

Jesus in der Kunst des 20. Jahrhunderts

Vier Fachrichtungen der Universität Lausanne (Theologie, Kunstgeschichte, Literatur sowie Geschichte und Ästhetik des Kinos) haben sich zusammengetan für ein gemeinsames Forschungsprojekt, das den Darstellungen Jesu am Ende des 20. Jahrhunderts gewidmet ist. Da die Zahl der künstlerischen und literarischen Auseinandersetzungen mit der Figur Jesu derart gross ist, versteht es sich, dass nicht alle Kunstgattungen berücksichtigt werden konnten. So fehlen etwa das Theater oder die Bildhauerkunst. Nichts desto trotz bietet das Buch einen repräsentativen Überblick, wie zeitgenössische Kunstschaffende sich Jesus vorstellen. Das Buch diskutiert und analysiert Werke wie die Negativbilder des Schweisstuches von Turin, die Fotoarbeit Yo Mama’s Last Supper von Renée Cox mit ihrem aktualisierenden Blick auf einen weiblichen Jesus, einige Jesusfilme (insbesondere Scorseses Film Die letzte Versuchung Christi und dessen literarische Quelle, den Roman von Kazantzakis), Comics sowie verschiedene Science-Fiction-Romane, unter ihnen den Da Vinci Code.

Jesus erscheint in diesen künstlerischen Interpretationen als profane Gestalt (um nicht zu sagen entweiht), subjektiv, der Einbildungskraft entsprungen, unwirklich. Zeitgenössische Kunstschaffende zeichnen ein Bild von Jesus, das stark abweicht von dem, wie es die Evangelien oder die Kirchen überliefern. Das Bild nähert sich eher den ketzerischen Jesusbildern an, die wir in den apokryphen Schriften der ersten Jahrhunderte finden. Verglichen mit früheren Versuchen, Jesus als historische Figur zu fassen, findet gegenwärtig das Gegenteil statt, indem Jesus mit Gegenwart und Zukunft in Verbindung gebracht wird und man sich nicht mehr am Überlieferten orientiert. An die Stelle der Wahrheit treten Legende und Dichtung. Aber es könnte durchaus sein, dass man auf diesem Weg zum historischen Jesus zurückfindet. Wissenschaft oder Pseudowissenschaft, die Faszination der Geschichte, Spuren und Indizien (im Zusammenhang mit dem Schweisstuch), subjektive Kamera (der Betrachter ist eingeladen, in die Haut Jesu zu schlüpfen) all das weisst darauf hin, dass die Suche nach dem Menschen Jesus an kein Ende kommt. Was die Künstler und Schriftsteller leisten und was die Betrachter und Leser durch deren Werke empfangen, ist die Erforschung der Tiefen des Menschlichen.

Die Autoren des Buches kennen sich und sind das gemeinsame Arbeiten gewohnt. Es gibt zwischen ihnen einen Dialog. Jeder versucht die Sicht des andern zu verstehen. Ausserdem profitieren sie von den historischen Forschungen an der Universität Lausanne über die apokryphen christlichen Schriften der ersten Jahrhunderte. Wiederholt taucht die These auf, die modernen künstlerischen und literarischen Interpretationen Jesu seien stärker von den apokryphen als von den kanonischen Schriften inspiriert, die ein vergleichsweise mattes oder zurückhaltendes Bild von Jesus zeichnen würden : wenig plastisch, wenig sexuell anziehend etc. Das scheint mir allerdings nicht so evident, wie es die Autoren behaupten, und es stellen sich mir folgende Fragen : 1. Wenn Künstler und Publikum die Evangelien und die anderen Schriften des Neuen Testaments kaum kennen, wie sollen sie dann erst die apokryphen Schriften kennen ? Werden letztere durch die Autoren nicht etwas überbewertet ? 2. Ist die Auswahl der untersuchten Werke – bei denen es sich hauptsächlich um Science-Fiction-Werke der Literatur und des Comics handelt – repräsentativ für das zeitgenössische Schaffen ? Wie lässt sich die Wahl dieses literarischen Genres begründen ? 3. Christus, wie ihn uns die kanonischen Schriften überliefern, ist er denn so harmlos und zurückhaltend ? Das lässt sich wirklich nicht sagen. Die Apokalypse zum Beispiel, Inbegriff einer phantastischen Erzählung, wird nicht in Erwägung gezogen. 4. Es ist – so widersprüchlich es klingen mag - denkbar, dass das grosse Schweigen der biblischen Schriften über das intime und persönliche Leben Jesu im Gegenteil die Vorstellungskraft stimuliert, so, wie der Umstand, dass wir nicht wissen, wie Jesus tatsächlich aussah, uns erlaubt, ihn nach unseren Vorstellungen darzustellen.

Der Titel des Buches könnte präziser sein. Die meisten der analysierten Werke sind vom Ende des 20. Jahrhunderts. Auch hätte man präzisieren müssen, dass es sich um gattungsübergreifende künstlerische Blicke auf Jesus handelt. Womit man gleichzeitig die Originalität des Ansatzes hätte herausstreichen können, die darin besteht, dass das strikt literarische Feld verlassen wird. Die Gestaltung des Umschlags mit dem Gekreuzigten von Dali hingegen ist gut gelungen. Geplant ist eine Fortsetzung des Bandes mit Beiträgen eines internationalen Kolloquiums, das im Mai 2009 an der Universität Lausanne stattfinden wird.
(Übersetzung : Johannes Stückelberger)

Jérôme Cottin, traduit en allemand par Johannes Stückelberger